Invitatio zur Disputatio

Über den Ursprung des guten Geschmacks

Wenn Sie sich schon einmal die Frage stellen, was denn nun diesen so genannten guten Geschmack ausmacht, wird Ihnen ganz gewiss das eine oder andere Mal die noble Rede von edler Einfalt und stiller Größe begegnen; vielleicht gerade von einem alter deus selbst zum Dogma gemacht oder gar von einem selbsternannten Kunstrichter unfügsam in die Arena geworfen. Nichts was Stil hat darf sich allzu lange in den allgefälligen Teig einkneten, dann ist es Kitsch, noch darf es zu sehr vom Einheitsbrei abdriften und zum Auswuchs werden, dann ist es schnell eine unliebsame Blase, die es rasch aufzustechen gilt. - Wie sehr Sie sich auch bemühen und auf der Suche nach gründlichen Definitionen anstrengen, wird Ihnen ein emsiger Räsonierer ins Wort fallen und meinen, Sie hätten nicht keinen Geschmack, aber eben den falschen.

Ein einfaches Beispiel: Stellen Sie sich eine Szene vor dem zentralen Schaukasten im Museum oder an einem anderen kunstträchtigen Ort vor: In diesem Glasschrank steht eine aus Stein Geformte, streng bewacht und am Fuß kaum leserlich: „Eine schöne Frau mit einem freundlichen Gesicht, die fleißig eine lästige Grille weidet. Das hakenförmige Gebilde aus grünem Panzer hat sich längst gegen das täppische Gebärden der Herrin gewehrt und nur widerwillig lässt sich das Unbändige hüten.“

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